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Was eigentlich ist Natural Horsemanship?

Zuerst einmal möchten wir erklären, was mit dem Terminus "Natural Horsemanship" - ein typischer Anglizismus - von der Wortbedeutung her überhaupt gemeint ist. Uns ist keine allgemeingebräuchliche, treffende Übersetzung des Begriffs bekannt, also nähern wir uns dem englischen Ausdruck stückweise und suchen nach einer Übersetzung: Das englische Wort "craftsman" bedeutet übersetzt "Handwerker" und "craftsmanship" bedeutet "Handwerkskunst". Nun wird es leicht einsichtig, dass somit Horsemanship soviel bedeutet wie die Kunst mit Pferden umzugehen, und ursprünglich war damit auch der Oberbegriff Reitkunst gemeint. Und "Natural" bedeutet weiter "naturgemäß", "ursprünglich", "Natural Horsemanship" bedeutet somit also die Kunst mit Pferden naturgemäß umzugehen. "Naturgemäß" meint hier im Sinne des natürlichen, genetisch verankerten Charakters der Pferde. Und dieser Charakter unterscheidet sich recht massiv von dem des Menschen:

  • Der Mensch ein Raubtier und Allesfresser, das Pferd ein Fluchttier und Pflanzenfresser
  • Der Mensch hochintelligent, das Pferd vergleichsweise bescheiden (jedes Schwein ist klüger und der Fluch "dummes Schwein" völlig irrig)
  • Der Mensch vergleichsweise schwächlich, das Pferd bärenstark
  • Der Mensch ein Individualist, das Pferd ein stark von der Rangordnung geprägtes Tier
  • Der Mensch kommuniziert hauptsächlich verbal, das Pferd vor allem über Körpersprache

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die Unterschiede sind riesig! Ein "Natural Horseman" meint also jemanden, der gelernt hat mit Pferden auf eine Art umzugehen, die die Unterschiede zwischen den beiden Spezies berücksichtigt und aus diesem Wissen Vorteile und Nutzen zieht. Im Deutschen müsste man also den recht sperrigen Begriff "Pferdehandwerkskunst" als Übersetzzung für "Natural Horsemanship" nutzen, aber das tut natürlich niemand.

Wir können den Gedanken an dieser Stelle aber noch ein wenig weiterspinnen, was das vielgenutzte Anhängsel "natural" anbelangt. Denn letztendlich: Zu reiten bzw. geritten zu werden ist sehr offensichtlicht nicht "natural", also "naturgemäß" oder "ursprünglich", weder für den Menschen noch für das Pferd! Der Begriff "Natural Horsemanship" ist also eigentlich ein wenig ein Widerspruch in sich, ein Oxymoron, auch wenn das Reiten natürlich nur ein Teil des Natural Horsemanship ist. Wie also sollte man es dann nennen? "Classical", also "klassisch", träfe es auch nicht, denn "Classical Horsemanship" wäre irgendwie mit einer künstlichen Beschränkung auf altbekannte Dinge verbunden, ohne neue Erkenntnisse zu berücksichtigen. Mein Vorschlag wäre "Sustainable", also "nachhaltig", dies wäre ein passendes Adjektiv, mein Favorit wäre also "Sustainable Horsemanship", auch wenn sich der Begriff "Natural Horsemanship" mittlerweile soweit verselbstständigt hat, dass sich das wohl nicht mehr ändern wird.

Nun, das hört sich doch eigentlich gar nicht so schlecht an, oder? Aber wie kommt es dann, dass so manch einer überaus abschätzig "Horsemanshit" dazu sagt (einfach mal nach dem Schlagwort googlen)? Nun, wie bei so vielen Dingen ist Natural Horsemanship in relativ kurzer Zeit in Deutschland ein echter In-Begriff geworden und da verwundert es nicht, dass eine ganze Menge von mehr oder weniger fähigen Gestalten versucht haben auf den fahrenden Zug aufzuspringen, um damit Geld zu verdienen - und da fängt das Problem bereits an: Ein "Echter" Horseman denkt vor allem an die Pferde und weniger an das Geld das er damit verdient! Und Natural Horsemanship hatte rückblickend in Deutschland einen doch recht verkorksten Start.

 

Zur Historie:

Als den ersten dokumentierten Horseman kann man vielleicht sogar Xenophon bezeichnen, er hat sich sehr um den korrekten Umgang mit Pferden bemüht. Was heute unter dem Begriff "Horsemanship" verstanden wird, bildete sich aber in der Neuzeit aus und stammt aus der Westernreiterei. Zu nennen sind hier vor allem Namen wie Tom und Bill Dorrance, Ray Hunt und Buck Brannaman (alle Links englisch). In Deutschland hat man sich sehr lange gar nicht mit diesem Thema beschäftigt, gut z. B. daran zu erkennen, dass die deutsche Wikipedia auch heute noch keine Artikel zu einer der letztgenannten Personen besitzt! Bis auf Buck Brannaman sind alle obigen Personen heute leider nicht mehr am Leben. Sie haben der Nachwelt aber exzellente Fachbücher hinterlassen, aus denen jeder lernen kann, der tiefer in die Thematik Horsemanship einsteigen möchte.

Irgendwann vor einigen Jahren wurde dann in Deutschland ein Buch verkauft, das die Biographie eines Mannes enthielt, der seinen Werdegang zum Pferdemenschen beschrieb und der sich auf Gewaltlosigkeit berief. Wir nennen hier absichtlich keinen Namen, wir wollen schlicht präventiv vermeiden, dass sich hier jemand auf den Fuß getreten fühlt und darauf dann unangemessen reagiert. Der Mann begann dann jedenfalls Tournee-gleich durch die Lande zu ziehen und auf Pferdemessen vor hunderten von Menschen zu zeigen wie er ein Pferd, dass sich zuvor nicht verladen ließ in wenigen Minuten in den Hänger bekam, ohne es dort hineinzudreschen. Der Mann verkaufte weitere Bücher, in denen er z. B. die Zähmung eines Wildpferdes mit "seiner" Methode beschreibt, und er verdiente sicher eine große Menge Geld damit. Ich erinnere mich an eine Aussage von Christian Bachinger vor einiger Zeit auf einem Kurs: "Der Mann füllt ganze Hallen und die Leute rennen in Scharen dort hin und zahlen Eintritt dafür! Das ist unbegreiflich!" Wie dem auch sein, für mich ist rückblickend dieser Mann zumindest die Initialzündung des Natural Horsemanship in Deutschland gewesen, durch ihn ist es hierzulande überhaupt erst wahrgenommen geworden.

Aber warum dann ein "verkorkster" Start? Nun, man hat oben vielleicht schon leise Kritik durchschimmern sehen, also schauen wir uns das doch mal etwas genauer an. Wir machen nun vielleicht unseren ersten Schritte als Natural Horseman und betrachten das oben geschilderte aus der Sicht eines Pferdes:

Da wird dieses Tier in eine ihm völlig unbekannte Arena gebracht, in der hunderte oder tausende von Leuten allseits drum herum sitzen - mit entsprechendem Geräuschpegel. In der Mitte steht ein Mensch der beginnt das Pferd um sich herum zu jagen. Für das Pferd ist dies leicht verständlich eine recht beängstigende Situation. Es sucht nach einem Ausweg, aber es gibt keinen, das Tor durch das es herein kam ist verschlossen. Das Pferd rennt und rennt, eine für ein Fluchttier typische Reaktion auf eine solche Situation. Das einzige was sich noch in der Arena befindet ist dieser Pferdehänger. Da wollte es in der Vergangenheit vielleicht nicht hinein, aber nun erscheint dieses Ding auf einmal wie das kleinstmögliche verfügbare Übel. Wenn man dort hineinrennt, kann man sich vielleicht vor dem verstecken, was dort draußen auf einen einstürmt!

Und nun das zweite Pferd, ein wildlebender Hengst. Er wird gewaltsam aus seiner Herde herausgerissen. Er flieht, aber da ist ein Reiter hinter ihm, der ihn verfolgt. Über Stunden. Über Tage. Mit wechselnden Pferden. Bishin zur völligen Erschöpfung. Bis er sich ergibt. Damit gerät er in Gefangenschaft und wird eingeritten, etc. Und später dann, um zu beweisen wie sehr er die Menschen schätzen gelernt hat und wie gut diese Zähmungsmethode funktioniert, da lässt man ihn tatsächlich wieder frei. Er flieht zuerst, besinnt sich dann aber eines besseren und kommt freiwillig von sich aus zu den Menschen zurück - Oder? Was hat er wohl erfahren auf seiner Flucht weg von den Menschen? Was hat er gemacht?

Auch hier schalten wir wieder unseren Pferdeverstand ein und denken artgemäß. Am plausibelsten erscheint mir doch folgendes: Das Tier rennt zurück zu seiner alten Herde und es wird sie auch gefunden haben, Pferde sind diesbezüglich sehr klug. Doch dort regierte mittlerweile natürlich ein anderer Chef, der die Lücke ausgefüllt hat, die er bei seinem unfreiwilligen Verschwinden hinterlassen hat. Und der Neue lässt sich das natürlich nicht bieten, dass da ein unliebsamer Konkurrent wieder auftaucht, "Da bin ich wieder!" - Ist ein Pferd erstmal einige Tage aus der Herde entfernt, wird es in der Regel als fremd betrachtet. Es gibt Kämpfe und er fliegt geradewegs wieder raus aus seiner alten Herde. Nun ist er alleine und ein einsames Pferd in der freien Wildbahn ist auch schnell ein totes Pferd. Was hat er also für Möglichkeiten? Er kann zu den Menschen zurückgehen. Dort gibt es andere Pferde und man ist nicht allein, es gibt Futter, Wasser, etc. Und ehe er einen einsamen Tod stirb, tut er genau das dann auch, Poor Boy.

Was also ist nun toll daran? Wo ist hier das Natural Horsemanship? Die beschriebenen Situationen oben sind sicherlich "gewaltlos" dahingehend, dass keine direkte physische Gewalt angewandt wird - aber reicht das schon aus? Die Tiere werden sehr offensichtlich einem starken psychischen Druck und Streß ausgesetzt und Gewalt kann halt nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur sein. Es ist zwar (für den unaufmerksamen Menschen) subtiler, aber es ändert an der grundlegenden Sache nichts. Entscheidet selbst, wir erachten so etwas jedenfalls nicht als positiv. Zugegeben, wir waren auch schon auf solch einer Demo. Wir hatten damals weniger Ahnung und wir sind auch davon geblendet worden - tolle Sache, guck mal, der geht nach nur ein paar Minuten in den Hänger. Aber hilft das was man dort gesehen hat bei den konkreten Problemen zu Hause? Ich denke, dass die wenigsten Pferde, die auf einer Show nach ein paar Minuten im Hänger verschwunden sind, sich danach zu Hause problemlos verladen lassen. Welchen Nutzen ziehe ich also daraus? Ich sehe keinen. Und genau das meinte ich oben mit "verkorkster Start". Man verstehe uns nun nicht falsch! Erwähnter Mann hat sicherlich einige Erfahrung mit Pferden und Fähigkeiten, die über die Showeffekte wesentlich hinausgehen - aber sie werden nirgends in den Vordergrund gestellt. Und wir selber haben sicher auch nicht das bessere Wissen und Können - aber wir ziehen damit auch nicht mit Shows durch die Lande! Wir haben jedoch mittlerweile die Erfahrung, Dinge mit Abstand und kritisch zu betrachten und auf ihren Nutzen für uns hin abzuklopfen.

Später dann, als Natural Horsemanship boomte, kamen andere Menschen und andere Torheiten. Anstatt an die Pferde zu denken hat man sich im Lauf der Dinge eher auf's Geld verdienen verlegt und umgebaute Golfschläger in bunter Lackierung zu überhöhten Preisen verkauft. Oder spezielle Halfter, die keinen Deut besser sind oder anders funktionieren als ein Knotenhalfter, aber ein vielfaches davon kosten. Oder Sandsäckchen in speziellen Farben, weil die Pferde das doch besser sehen können. Oder, oder, oder. Und, und, und. Aber wo ist dabei das Natural Horsemanship? Welchen unmittelbaren Nutzen ziehen ich und mein Pferd daraus? Die Frage möge sich jeder selbst beantworten, aber man kann Dinge auch anders machen.

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