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Natural Horsemanship - wofür brauche ich das?

Es gibt wie vielen sicherlich aufgefallen ist energische Verfechter und Gegner von Natural Horsemanship, was also trifft die Sache? Die unserer Meinung nach richtige Antwort darauf: Es kommt drauf an! Und dies führt uns gleich zu einem der Punkte, die ein Pferdemensch irgendwann begreifen muss: Auf viele Dinge gibt es keine klare Antwort und diejenigen, die stur und steif behaupten sie hätten diese, sind meist Scharlatane, die man meiden sollte. Warum? Weil Menschen von Natur aus verschieden sind. Weil Pferde von Natur aus verschieden sind. Und weil eine jede Kombination von individuellem Mensch mit individuellem Pferd verschieden von allen anderen ist und man diese damit schlicht nicht über einen Kamm scheeren kann. "One size does not fit all!" wäre der Merksatz hierzu. Und daraus ergibt sich konsequenterweise, dass die Antwort auf sehr viele Fragen (nicht alle, denn "One size...") lautet "Es kommt drauf an". Viele Reiter tun sich damit enorm schwer, sie erwarten ein Regelwerk ala "Tu ich A, macht das Pferd B, mach ich C, folgt D", und es fällt ihnen schwer, sich davon zu lösen. Eine solche Denke ist aber viel zu mechanistisch und geht völlig am Umgang mit einem Lebewesen vorbei, und dementsprechend sind dann auch die aus einem derartigen Vorgehen resultierenden Lösungen. Das zielführende Vorgehen wäre hier erfühlen zu können wie etwas zu tun ist und dann situationsabhängig und auf das jeweilige Tier abgestimmt das passende zu tun - aber wie lehrt man fühlen?

OK, akzeptiert, es kommt also drauf an. Aber worauf kommt es denn an? Auf verschiedene Dinge. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Habe ich beim "konventionellen" Vorgehen das Gefühl, dass hier etwas nicht optimal läuft oder komme ich mit Dingen nicht zurecht?
  • Habe ich das Gefühl, dass "dahinter" noch mehr kommt, was ich mit meinem Pferd machen kann, von dem ich aber nichts weiß?
  • Machen manche Dinge nicht den Spaß, den ich eigentlich erwarte?
  • Habe ich Probleme mit meinem Pferd, die ich bisher nicht lösen konnte, die ich aber gerne angehen würde?
  • Gefällt mir das eine oder andere an der konventionellen Reiterei nicht oder erscheint es mit unlogisch?
  • Stehe ich dem was ich bisher über Natural Horsemanship gehört habe aufgeschlossen, interessiert, positiv gegenüber und bin ich bereit auch mal etwas anderes, neues zu probieren?

Falls ja, dann könnte man doch einfach mal ausprobieren, ob Natural Horsemanship Spaß macht und einem etwas bringt! Falls nicht muss man es ja nicht praktizieren. Aber wenn man es nicht probiert, verschenkt man vielleicht eine Chance etwas neues, wertvolles zu entdecken, dass neue Ansätze für Probleme anbietet. Wenn ich hingegen denke:

  • Ich bin zufrieden mit dem "konventionellen" Vorgehen, ich komme damit gut zurecht und es deckt all meine Probleme ab.
  • Die konventionelle Reiterei ist für mich durchgängig logisch und sinnvoll.
  • Ich stehe dem was ich bisher über Natural Horsemanship gehört habe eher ablehnend gegenüber und halte das für ziemlichen Quatsch.

Dann wird Natural Horsemanship hier vermutlich nicht zum Erfolg führen. Schon allein deswegen, weil man Dinge für die man sich nicht wirklich begeistern kann, nicht tatsächlich mit Leben füllt. Pferde merken so etwas unmittelbar und verhalten sich dementsprechend, mit dem dann zu erwartenden Resultat "Der ganze Quatsch funktioniert ja überhaupt nicht!" - natürlich nicht, man hat es schließlich nicht glaubwürdig rübergebracht!

Ein wichtiges Detail: Man beachte, dass ich oben sehr bewußt "konventioneller Reiterei" und nicht "klassischer Reiterei" schreibe, das eine hat mit dem anderen nur sehr wenig gemeinsam! Mit konventionell meine ich das, was einem in einer durchschnittlichen Reitschule und von einem durchschnittlichen Reitlehrer gezeigt und beigebracht wird.

Zusammenfassend also: Es kommt drauf an - und zwar auf den jeweiligen Menschen. Wenn dieser mit Natural Horsemanship nichts anfangen kann ist es eine Methode mit wenig Nutzen, wenn er sich hingegen damit identifizieren kann, kann es Gold wert sein. Ein jeder muss es also selber ausprobieren und man sollte niemanden verteufeln, der für sich eine andere Entscheidung getroffen hat als man selbst! Wie Albert Einstein uns lehrte: "Everything's relativ" - alles ist relativ.

OK, Horsemanship hört sich interessant und positiv an. Was nun weiter? Für mich gibt ein sinnvolles Horsemanship einen Lösungsansatz für konkrete Probleme, "Mein Pferd geht nicht in den Hänger", "Mein Pferd geht nicht durch Wassergräben", "Mein Pferd hat Angst vor Planen", "Mein Pferd will nicht stehen bleiben", etc., pp. Auch hier schreibe ich bewußt "Lösungsansatz" und nicht "Lösung", denn die Lösung muss man sich mit seinem Pferd selbst erarbeiten! Und ein sinnvolles Horsemanship gibt mir eine Art Werkzeugkasten an die Hand mit dem ich morgen auch Probleme angehen kann, die ich bis heute noch nicht kannte.

Um es für den Menschen etwas einfacher zu machen, kann man einiges in Merksätze verpacken. Diese stellen keine konkreten Handlungsanweisungen dar (diese würden wie wir gelernt haben ja immer nur Fallweise funktionieren), sondern sind eine Abstraktionsebene darüber angesiedelt und geben ein generalisiertes Schema vor, an dem man sein Handeln ausrichten und bewerten kann. Ein wichtiger Merksatz würde z. B. so lauten:

Nutze Dein verdammtes Gehirn für das, wofür es Dir gegeben wurde:

  1. Denke
  2. Denke wie ein Pferd
  3. Überdenke was Du unter 1. und 2. gedacht hast, reflektiere und hinterfrage es

Und das selbstständige, bewusste Denken ist etwas, was einem keine Reitlehre und kein Guru abnehmen wird! Und das soll auch so sein, denn es bietet wie oben beschrieben einen Lösungsansatz für Probleme. Indem ich lerne einen Situation aus der Perspektive des Pferdes zu sehen und zu bewerten kann ich eine Idee entwickeln wie ich ein bestimmtes Problem angehen kann.

 

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