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Gängige Mythen und Vorurteile

Wer in Richtung Natural Horsemanship lernen möchte, der sollte sich unserer Meinung nach zuallererst von einigen gängigen Mythen verabschieden, die ihm sonst fortwährend im Weg stehen würden! Auch wieder ohne Anspruch auf Vollständigkeit fallen uns diese hier ein:

  • "Ich reite aber Englisch und nicht Western!"
    Natural Horsemanship kommt zwar im Prinzip aus der Westernreiterei, ist aber durchaus nicht daran gebunden! Steve Halfpenny, auf dessen Ranch ich dankenswerterweise einige, wenige Wochen verbringen durfte, hat mal eine Geschichte erzählt, wo eine Englischreiterin wegen eines Problems zu Buck Brannaman kam (ich hoffe ich erinnere mich da richtig, Steve), gleich aber skeptisch anmerkte "Ich weiß nicht ob Sie mir da helfen können, schließlich reiten Sie ja Western und ich Englisch!" - Nur einen Tag später führte Buck ihr dann sein piaffierendes Westernpferd vor, was zuvor noch nie piaffiert hatte - "Meinten Sie vielleicht dies, Maddam?" Er hatte dies seinem Pferd "mal eben" am Nachmittag beigebracht. Pferde sind Pferde, gleichgültig wie sie geritten werden. Also kann man auch mit all ihnen Natural Horsemanship machen!
     
  • "Ich will aber nicht so ein Mischmasch!"
    Ich kann und darf durchaus Elemente aus verschiedenen Reitstilen mischen, solange diese Melange für das Pferd logisch verständlich bleibt. Ich behaupte sogar folgendes: Der Unterschied zwischen einem Western- und einem Englischreiter ist künstlich herbeigeredet. Man nehme einen Westernreiter und einen Englischreiter. Nun lasse man beide "ihr Ding" im Sinne des Pferdes und ehrlich zu Ende reiten und versuchen das Pferd auf reale Weise möglichst rittig, durchlässig, etc. zu machen. Die beiden werden sich am Ende des Weges an der gleichen Stelle treffen! So ist z. B. ein Phillippe Karl der Meinung, dass die Westernreiterei viel dichter an seiner klassischen Reiterei liegt, als es die konventionelle FN-Reiterei ist. Auch dieses Video zeigt gut, dass sich beides durchaus exzellent vereinen lässt.
     
  • "Ich benutze aber eine englische Reitausrüstung!"
    Nun, das ist doch gar nicht entscheidend! Ich benutze für Gassur z. B. einen englische Sattel manchmal in Kombination mit einem Sidepull. Zusätzlich nutze ich das übliche Horsemanship-Equipement. Dem Pferd ist dies egal und ich benutze das was gut funktioniert und mit dem ich gut zurechtkomme.
     
  • "Natural Horsemanship ist doch Bodenarbeit. Ich will aber reiten!"
    Nicht wirklich! Natural Horsemanship fängt zwar mit Bodenarbeit an, das ist aber nur ein Punkt. Es wird natürlich auch geritten. Was viele Menschen offenbar stört ist, dass mit Bodenarbeit angefangen wird. Oft wird dies dann abschätzig als "Spielen" betitelt ("Ich will doch reiten und nicht spielen!"). Bodenarbeit kann sehr viel Spaß machen, ist deshalb aber kein Spielen. Und ein Anfang am Boden ist nichts Horsemanship spezifisches. Auch in der klassischen Reiterei wird sehr viel am Boden vorbereitet, bevor das erste mal ein Mensch auf einer Remonte sitzt. Nicht zuletzt tut sich der Mensch vom Boden aus mit vielen Dingen auch deutlich leichter und das Pferd tut sich leichter, wenn kein Reiter drauf sitzt. Mir scheint hier nur zu oft die Ungeduld zuzuschlagen, anstatt ein Schritt nach dem anderen zu tun - und das auch noch in der richtigen Reihenfolge.
     
  • "In der Reitschule habe ich aber gelernt, dass man jeden Galoppsprung heraustreiben muss!"
    Uh ja, tatsächlich? Ich habe solche Sprüche auch reihenweise gehört - und sie machen für mich reihenweise keinen Sinn! Wir bleiben mal beim menschlichen Analogon: Ich möchte, dass mein Kind sein Zimmer aufräumt. Was tue ich? Stelle ich mich etwa daneben und instruiere mein Kind, wo es jeden einzelnen Legostein hinzulegen hat? Doch wohl kaum! Ich möchte doch vielmehr, dass mein Kind, nachdem ich es einmal gebeten habe sein Zimmer aufzuräumen, diese Tätigkeit willig in Angriff nimmt und auch zuende bringt, richtig? Nun, mit meinem Pferd ist es doch im Prinzip ganz genauso: Ich teile ihm mit (mehr dazu später), dass ich galoppieren will. Das Pferd soll willig angaloppieren, sich ein Tempo vorgeben lassen und dieses beibehalten, bis ich etwas anderes anfrage. Und während mein Pferd galoppiert will ich gerade nicht klemmend versuchen, jeden Sprung herauszuquetschen! Ich bin ein Freund des Signalreitens, das Pferd reagiert auf eine kleine Aufforderung und führt diese dann selbstständig aus, ohne dass eine fortwährende Kontrolle und Maßregelung nötig ist. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass ich mich dann vermehrt auf meinen Sitz konzentrieren kann.
     
  • "In der Reitschule habe ich aber gelernt, dass man eine Parade auch mal durchhalten muss!"
    Eine hübsch unpräzise Anweisung, die ich auch oft gehört - aber zu Anfang nie verstanden habe. Wann muss ich durchhalten? Wann muss ich nachgeben? Wo ist die Logik davon? Und wozu ist das gut? Das Verständnis kam dann erst später: Ich will eigentlich nicht durchhalten müssen, ich will dass das Pferd auf meine Anfrage reagiert! In der Reitschule wird das nur zu oft dem Reitschüler nur halb erläutert, vielleicht in der irrigen Annahme, der Schüler wüsste dies bereits. Wir bauen uns daher mal einen weiteren Merksatz:

    Auf jede Aktion (des Reiters) hat eine Reaktion (des Pferdes) zu erfolgen
    Und auf jede Reaktion (des Pferdes) hat ein Nachgeben (des Reiters) zu erfolgen

    Und nun wird es verständlich: Wenn das Pferd auf meine Anfrage nicht reagiert, dann darf ich nicht aufhören, sondern muss so lange weitermachen, bis ich eine Reaktion erhalte (= Durchhalten). Dabei muss ich meinem Pferd das Nachgeben aber auch im Durchhalten immer wieder neu anbieten. Und das Durchhalten darf auch nie in einem "Kräftemessen" mit meinem Pferd ausarten, es ist klar wer das gewinnt. Am Anfang ist die Reaktion vielleicht nur ein einziger, winziger Schritt grob in die gewünschte Richtung. Sobald ich diese Reaktion erhalte, endet meine Nachfrage sofort und unmittelbar (= Nachgeben). Und ein Nachgeben hat grundsätzlich immer zu erfolgen und ist durchaus nicht auf die zügelführende Hand beschränkt, sondern ich kann auch mit meinem Bein nachgeben und mit all meinen anderen Körperteilen, die ich zur Kommunikation mit dem Pferd mittels Körpersprache einsetze. Das Ziel muss aber immer sein, das Durchhalten unnötig zu machen, weil das Pferd auf wenig Einwirkung willig und prompt reagiert. Um dies noch einmal ganz deutlich zu sagen: Nachgeben ist keine Option, sondern eine Pflicht des Reiters!
     
  • "Für Natural Horsemanship braucht man eine Menge teures Equipement!"
    Wenn man den selbsternannten Gurus Glauben schenkt, die einem überteuerten Kram verkaufen wollen, dann ja. Ziel des Natural Horsemanship ist aber die Arbeit "at liberty" - ohne jegliches Zaumzeug, es braucht also eher weniger als mehr Ausrüstung! Für den Anfang ist ein simples Knotenhalfter, ein Seil und ein Kontaktstock vollkommen ausreichend. Die Dinge sind hierzulande mittlerweile für kleines Geld erhältlich, bei uns in der Gegend z. B. hier. Wenn man tiefer einsteigen möchte kann das ein oder andere von zusätzlichem Nutzen sein, aber auch diese Dinge sind weder unverzichtbar noch unbezahlbar.
     
  • "Mein Pferd geht schnell durch, also muss ich ihm etwas scharfes einschnallen, damit ich es unter Kontrolle halten kann!"
    Etwas scharfes im Maul ist ziemlich das Gegenteil von Signalreiten und weiterhelfen tut es auch nicht sonderlich! Man hat schon von dem ein oder anderen Kutschunfall mit durchgehenden Pferden gehört. Der Kutscher hatte dabei die Bremsen bis zum Blockieren aller Reifen angezogen und hing mit aller Kraft in den Fahrleinen und damit in der Fahrkandarre. Das durchgehende Pferd rannte trotzdem weiter. Fazit: Wenn ein Pferd durchgehen will, dann tut es das auch! Ich muss also dafür sorgen, dass mein Pferd bei mir bleiben will, weil es sich dort sicher fühlt. Und wenn ich ihm beibringe, sich in allen Situationen biegen und abwenden zu lassen, dann kann ich es auch immer durchparieren, auch wenn keine Kandarre im Maul hängt. Ein scharfes Gebiss hingegen gehört in Profihände, die gelernt haben damit umzugehen, denn richtig gemacht kann ich mit einer Kandarre viel feinere Hilfen geben, als mit einer Wassertrense. Mein Problem mit dem Kontrollverlust aber bekomme ich mit Natural Horsemanship in den Griff.
     
  • "Ich habe ein Fohlen, mit dem kann ich noch kein Natural Horsemanship machen!"
    Ein Fohlen wird im Herdenverband von den anderen Pferden erzogen und gemaßregelt. Ich kann es also durchaus auch als Mensch arbeiten, ohne es zu überfordern - ich reite es ja nicht, sondern mache Bodenarbeit. Man muss allerdings berücksichtigen, dass sich ein Fohlen immer nur recht kurze Zeit konzentrieren kann. Wenn man über diesen Punkt hinausarbeitet, wird's kontraproduktiv! Mit Gassur habe ich im Fohlenalter mit Natural Horsemanship angefangen, er konnte sich zu Beginn nur ganze 10 Min. auf die Arbeit konzentrieren. Ich habe das berücksichtig und immer aufgehört, wenn ich gemerkt habe, dass er nicht mehr kann. Mit der Zeit konnte man dann mehr und mehr verlangen. Generell gilt aber auch für etwas ältere (zwei- oder dreijährige) oder rohe Pferde, dass sie sich nur relativ kurze Zeit konzentrieren können. Und wie auch beim beim Reiten gilt für die Bodenarbeit, dass sich ein Anfänger mit einem älteren (und erfahrenerem) Pferd häufig leichter tut.
     
  • "Wenn ich genau mache was mein Reitlehrer mir sagt, dann bin ich wie eine Fadenpuppe und alles funktioniert!"
    Dies ist eine Äußerung, die ich mal so ähnlich von einer Bekannten gehört habe. Sie fand das ganz toll, ich fand es reichlich kontraproduktiv. Warum? Nun, ich will doch keine Fernsteuerung durch meinen Reitlehrer. Zwei Tage später stehe ich alleine da und will das zuvor gemachte nachreiten aber weil ich es nicht aufgenommen, sondern mich fernsteuern lassen habe, wird es prompt schief gehen. Reitunterricht sollte die sprichwörtliche Hilfe zur Selbsthilfe sein und dafür ist ein Verständnis und ein Gefühl für die Sache seitens des Schülers unerlässlich! Aber das Bild von der Fadenpuppe ist durchaus nützlich - wenn man die oben verteilten Rollen tauscht! Man stelle sich vor, das gerittene Pferd sei eine Fadenpuppe, die ich in der Hand halte. Genauer: Seine Vorderfüße sind mit meinen Händen verbunden und seine Hinterfüße mit meinen Beinen. Und nun bewege ich meine "Puppe"! Ich kann nur empfehlen einfach mal testweise mit diesem Bild zu arbeiten und schauen was es bringt. Zu den nützlichen Eigenschaften von Bildern (= Vorstellungen die möglichst plastisch sein sollen) an anderer Stelle mehr.
     
  • "Beim Horsemanship wird alles völlig anders gemacht als beim 'normalen' Reiten!"
    Hm, oben habe ich ja schon etwas zum Thema "Mischmasch" gesagt. Bleiben wir doch mal kurz beim vorherigen Punkt, der Idee mit den Bildern. Das ist eine Technik, die z. B. von Mary Wanless propagiert wird. Wer einen Kurs in Alexandertechnik besucht, wird ebenfalls mit der Technik der Vorstellungskraft bekannt gemacht. Und an vielen anderen Stellen wird man, einmal dafür sensibilisiert, immer wieder darauf stoßen. Und so ist es mit vielen anderen Dingen, die als "speziell Horsemanship" bezeichnet werden. Man trifft sie in kleinen Variationen an vielen Stellen wieder. Es sind also eigentlich altbekannte Dinge, sie sind nur anders verpackt - und dadurch dem ein oder anderen besser verständlich.
     
  • "Also dann ist Horsemanship doch das Gleiche wie normales Reiten, dann brauche ich das ja nicht, weil es gibt mir ja nichts neues!"
    Nun, mal überlegen: Die Anatomie eines Pferdes hat sich über Jahrmillionen entwickelt. Der Mensch hat während ein paar tausend Jahren gelernt, diese Tierart zu domestizieren, aber er hat sicher ihre Anatomie nicht wesentlich verändert. Dass sich Pferde auf Dauer reiten lassen, ohne dabei Schaden zu nehmen, ist nur einem glücklichen Zufall zu verdanken und einzig möglich, wenn es "richtig" gemacht wird. In Anbetracht dessen ist es sofort einsichtig, dass "richtiges" (= an der Anatomie des Pferdes orientiertes) Reiten genauso wenig veränderlich ist, wie die Anatomie selbst, auf der sie fußt. Also wird auch Horsemanship im Kern der Sache genau das Gleiche lehren, wie alle anderen auf Korrektheit bedachten Reitlehren auch. Täte es dies nicht, würde es sich sofort dem Generalverdacht der Scharlatanerie aussetzen! Der Unterschied ist "lediglich", dass die Dinge aus einer anderen Perspektive angegangen werden, und genau darin liegt auch ihre Nützlichkeit.

So, und nachdem ich aus meinem Kopf all den Kram entfernt habe, der mir die Sicht versperrt, kann ich mich nun mit meinem Pferd beschäftigen! Das Thema Mythen und Vorurteile wird einem aber an vielen Stellen immer wieder begegnen. Es kann also nicht schaden, sich ein wenig darauf zu sensibilisieren und Dinge immer wieder zu hinterfragen. Hier ein Beispiel bewusst fernab vom Themengebiet Natural Horsemanship:

In Deutschland wird Dr. Hiltrud Straßer vielfach ob ihrer angeblich bedenklichen Methoden heftig kritisiert (in anderen Ländern hingegen nicht oder sehr viel weniger, hier fällt mir der alte Spruch mit dem Propheten ein). Nun mache man sich doch mal die Mühe, das nicht stumpf zu glauben, sondern das was Dr. Straßer schreibt mit dem zu vergleichen, was der "klassische" Hufschmied Fritz Rödder schreibt. Man wird dann feststellen, dass sich dies erstaunlicherweise(?) an sehr vielen Stellen deckt! Auch Fritz Rödder propagiert ein Barhufpferd, sofern irgend möglich. Unsere Pferde werden zwar nicht nach Straßer gearbeitet, sie gehen aber allesamt ohne Probleme Barhuf. Wir reinigen unsere Boxen regelmäßig (sprich täglich), Strahlfäule, ausbrechende Tragränder oder andere Hufprobleme sind für uns ein Fremdwort. Auf den klugen Rat nicht einfach alles zu glauben/nachzuplappern, sondern sich Wissen anzueignen und darüber nachzudenken, kann man daher immer wieder zurückkommen.

 

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