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Grundsätzliches

Ich habe mir also einen Lehrer ausgesucht. Wie geht's nun weiter? Nun, wie bei allen anderen neuen Dingen wird man sich auf Fortschritte und Rückschläge einrichten müssen. Und in der Reiterei wird sicher jeder diese Phasen nach einer Weile mehrfach durchlaufen haben. Und das wird auch so bleiben, egal was man mit Pferden macht. Das was man aber daraus lernen kann - und sollte - ist eines der in unserer schnelllebigen Zeit vielleicht schwierigsten Dinge überhaupt:

Geduld

Und welcher Reiter kennt nicht diesen Effekt: Man versucht tagelang etwas mit seinem Pferd zu machen und es funktioniert einfach nicht. Man müht sich scheinbar ewig damit ab, aber es bewegt sich nichts. Irgendwann gibt man dann völlig entnervt auf. Zwei Tage später versucht man die eigentlich bereits aufgegebene Sache mehr oder weniger lustlos erneut, vielleicht nur um sich zu beweisen "Schau, es geht nicht" - Und auf einmal geht's dann wie durch ein Wunder doch und man fragt sich wieso. Ich erinnere mich an die Zeiten wo Birger Gieseke noch bei Pat Parelli war, schon damals machte der Spruch die Runde "Nimm dir die Zeit, die es braucht"! Nun, das Schlagwort "Geduld" ist in diesem Zusammenhang sicherlich noch viel älter, aber der Spruch steht sehr repräsantativ für einen sehr wichtigen Punkt, den jeder Reiter lernen sollte. Und für all die von Hause aus Ungeduldigen gibt es sogar einen Trost: Mit zunehmender Erfahrung im Umgang mit Pferden wird man geduldiger, weil man begreift, dass Geduld irgendwann zum Ziel führt: "Ich weiß, dass du früher oder später in den Hänger gehen wirst, weil ich weiß was ich dafür tun muss. Also ist es gar nicht so vorrangig wichtig, wie lange es dauert, weil ich weiß, dass ich gewinnen werde." - und mit dieser Gewissheit das gesetzte Ziel erreichen zu können, und der Geduld und Gelassenheit dem Pferd gegenüber geht es dann schneller, als man vielleicht erwartet hätte. Bei Zayana's Hängertraining hatte ich z. B. geschätzt, dass ich viel länger brauchen würde, bis sie sicher in den Hänger gehen würde - und wurde angenehm überrascht!

Wenn man mit Natural Horsemanship beginnt, wird das Thema Geduld auch gleich auf eine zweite Art auf die Probe gestellt. Zu Beginn wird man sich nämlich mit eher (vermeintlich) trivialen Dingen beschäftigen, wie die Vor- oder Hinterhand des Pferdes wegdrehen, williges Führen mit geringstmöglichen Einwirkungen, Rückwärtsrichten, Stellen, etc. Bei all dem sieht man nicht soviel, wenn man nur oberflächlich hinschaut oder spektakuläre Dinge erwartet. Daher vielleicht auch die öfter gehörte Meinung, Natural Horsemanship sei langweilig, weil dort ja nicht viel passieren würde. Diese Dinge sind jedoch wichtige Grundlagen und wenn ich an akurater Ausführung und Präzision arbeite, sind die kleinen Details das entscheidende.

 

Nachdem ich nun die Bedeutung von Geduld begriffen habe, kommen wir auch gleich zum ersten Anwendungsfall von Geduld. Ich spreche von vielleicht dem Thema in der Reiterei schlichthin:

Balance

Das Wort "Balance" ist schnell gesagt, ich halte es mittlerweile aber für den am meisten unterschätzten, missverstandenen und vernachlässigten Punkt in der Reiterei - und auch im sonstigen Leben generell. Warum? Wenn man einem unbedarften Reitschüler etwas von Balance erzählt, dann wird er darauf in etwa antworten "Ja klar, wenn ich aus der Balance komme, dann falle ich runter". Und der etwas fortgeschrittenere Schüler wird vielleicht so etwas sagen wie "Ich muss schauen, dass ich nicht vor oder hinter die Bewegung komme, damit ich das Pferd möglichst wenig störe". Beides durchaus richtig - aber ist das schon alles? Mal überlegen: Also das Pferd kann natürlich auch aus der Balance geraten, einleuchtend. Dann fällt es vielleicht beim Durchparieren auf die Vorhand, anstatt vermehrt die Hinterbeine einzusetzen. Wir sind also schon zwei, die die Balance halten müssen. War's das? Hm, war ich nicht neulich beim Reiten so ungehalten und unausgeglichen, weil ich in der Firma so einen Streß habe? Und ist "unausgeglichen" nicht auch eine Form von Unausbalanciertheit? Halt keine physische, sondern eine psychische Unausbalanciertheit. Und denke ich beim Reiten vielleicht mehr als Sinn macht, anstatt zu versuchen mehr zu fühlen? Und ist das nicht auch wieder eine Form von Unausbalanciertheit? Halt keine psychische, sondern einen mentale Unausbalanciertheit. Und mein Pferd? Ist mein Pferd vielleicht auch psychisch unausbalanciert? Und mental? Neulich bin ich das Pferd von einer Bekannten geritten. Das war so'n richtiger Heißsporn, kaum zu regulieren! Meiner dagegen ist mir eher deutlich zu tranig, da sollte eigentlich mehr Pepp rein! OK, auch bei Pferden gibt es also nicht nur physische Unausbalanciertheit! Jetzt haben wir schon sechs Arbeitspunkte! Also, wir lernen: Balance ist ein ungeheuer vielfältiges, mannigfaltiges Thema und gerade deswegen so schwer zu erfassen und bei der Reiterei zu meistern. Denn die Aufgabe lautet

"Bringe dich in die Balance - physisch, psychisch, mental - und bringe dein Pferd in die Balance - physisch, psychisch, mental"

Und erst, wenn das (so halbwegs) klappt, dann erst setzt der große Aha-Effekt ein - Das Pferd unter einem reagiert fast wie durch Gedanken gesteuert, man muss kaum noch etwas bewusst tun um es zu kontrollieren. Und erst aus der totalen Balance heraus ist eine wirklich feine reiterliche Einwirkung überhaupt möglich. Physisch, weil die Arme und Beine nicht mehr herhalten müssen um sich krampfhaft auf dem Tier festzuhalten, sondern zum Einwirken genutzt werden können. Und mental, weil ich auf einmal bei meinem Tier bin, weil ich es fühle und weil das Tier bei mir ist, weil es mich fühlt. Das ist der Punkt wo die oft beschworene Symbiose einsetzt, der Reiter wird eins mit seinem Tier, die maximal mögliche Annäherung an einen Zentaur. Judith Maus z. B. sagt bei ihren Kursen oft Sätze wie "Ich reite aus dem Bauch heraus". Was heißt das? Nun, der Bauch ist schlicht der Ort des physischen Massenschwerpunktes des Menschen. Wer "aus dem Bauch heraus" reitet, reitet aus der Balance heraus! Das lange bekannte Buch, Sally Swift, "Reiten aus der Körpermitte" - ich habe es (noch) nicht gelesen, aber ich wette sie meint das Gleiche: Aus der Köpermitte = aus dem Bauch heraus = aus der Balance heraus!

Und wenn man erstmal die Vielfältigkeit des Themas Balance erahnt hat, dann fallen einem auf einmal all die vielen Unausbalanciertheiten abseits der Reiterei auf und man beginnt ein Auge dafür zu bekommen. Da schlurft einer krumm und schief über die Straße und bekommt die Füße nicht gehoben - nicht in der Balance. Da brüllt einer cholerisch herum - mental unausbalanciert. Der Workoholic der kein Privatleben mehr hat - unausbalanciert. Da steht einer rum, steif wie ein Stock, und ein anderer hockt irgendwo wie ein nasser Sack - völlig unausbalancierter Köpertonus. Da putzt einer jeden(!) Samstag stundenlang(!) sein Auto - psychisch unausbalanciert. In Limburg an der Lahn steht das berühmte "Haus der 7 Laster", ein Fachwerkhaus aus dem Jahr 1567. In den außen sichtbaren Balkenköpfen des Fachwerks sind sieben Holzköpfe eingraviert, die die 7 Laster der Menschheit darstellen. Einer der Köpfe symbolisiert das Laster "Unmässigkeit" oder auch Maßlosigkeit. Was aber ist Maßlosigkeit anderes als eine Form von Unausbalanciertheit? Am Ende stößt man immer wieder auf das eine unerschöpflich große Thema Balance.

Don't turn this way, don't turn that way
Straight down the middle until next Thursday
Reverse to the left, then back to the right
Twist and turn 'til you've got it right
Get the balance right

(Depeche Mode - Get the balance right)

 

Fokus

Vielleicht kennt der ein oder andere aus seiner frühen Kindheit noch diesen Effekt: Damit die Kinder Fahrrad fahren lernen fuhr Papa an einem schönen Wochenende mit uns zum nächsten Großmarkt. Auf dessen leeren Parkplatz konnte man dann nach Herzenslust Radfahren üben. Was ist dann passiert? Wir fuhren mehrfach genau gegen die einzige(!) Laterne auf dem ganzen Parkplatz! Wie konnte das sein? Verstanden habe ich dies erst viele Jahre später, als ich mit der Reiterei angefangen habe. Die Erklärung hierzu ist simpel! Die Laterne ist auf dem Parkplatz das einzige gewesen, an dem man sich orientieren konnte, also hat man als Kind auch dorthin geschaut. Und dann kommt das ins Spiel, was man den Fokus nennt: Der eigene Körper macht automatisch das richtige um das fokussierte Objekt anzusteuern - und genau deswegen sind wir an der Laterne gelandet!

Was hat das mit Reiten zu tun? Nun, das Fokussieren auf das anzureitende/zu erreichende Ziel funktioniert auch beim Reiten. So mancher Reitlehrer sagt oft Dinge wie "Schau dort hin wo du hinwillst!", der Springlehrer sagt "Schau hinter den Sprung" (also dorthin wo man hin will) und bei einigen Horsemanship Instruktoren heißt dies "Nutze die natürliche Kraft des Fokus" - gemeint ist aber immer das gleiche, fokussiere dich auf dein Ziel und lasse dich nicht ablenken.

Man kann den Effekt des Fokus' leicht selbst ausprobieren, auch ganz ohne Pferd: Man setze sich aufrecht und gerade auf einen Stuhl, den Blick geradeaus. Man achte darauf, dass die Kraft auf beiden Sitzhöckern gleich ist, man kann sich mit den Sitzhöckern auf seine beiden Hände setzen um dies besser zu spüren. Und stillhalten! Jetzt achte man auf die Kraft in den beiden Sitzhöckern und dreht den Kopf - und nur den Kopf - langsam nach rechts und langsam nach links. Man wird sofort merken, wie sich die Gewichtskraft des Körpers auf die entsprechende Seite verlagert. Das Spiel kann man auch mit einem Partner machen, auf dessen Hände man sich setzt. Der Partner schließt die Augen und rät anhand der Gewichtsverlagerung, ob der Kopf nach rechts oder nach links gedreht wurde. D. h. der Partner muss eigentlich gar nicht raten, er erkennt es sofort!

Und jetzt wieder zum Pferd: Ein korrekt ausbalancierter Reiter (der sein Pferd nicht mit Störsignalen zumüllt, siehe Balance oben) kann allein durch Nutzung des Fokus ("Schau dahin wo du hin willst") dem Pferd eine Richtungsinformation geben. Und das durchlässige und rittige Pferd wird diese "Idee" willig aufnehmen und in diese Richtung steuern. Und so kommt die Magie zustande, das man gar nichts sichtbares tun muss und das Pferd wie ein Fadenpuppe das tut was man möchte. Und so kommen auch die anderen Dinge zustande, Angallopieren, Durchparieren, Rückwärtsrichten, usw. werden alle durch eine entsprechende Fokussierung/Gewichtsverlagerung erfragt.

Und weiter: Genauso wie bei der Balance oben gibt es auch einen mentalen Fokus, das worauf ich mich konzentriere. Hier ein paar Beispiele.

Beim Pferd:

  • Ich fokussiere mich z. B. darauf, dass mein Pferd in den Hänger gehen soll. Aber Achtung: Ich fokussiere mich nicht darauf, was passieren könnte, wenn das Pferd sich entschließt nicht in den Hänger zu gehen, denn das wäre der falsche Fokus!
  • Ein oft gefundenes Angstschema beim Reiten ist der Kontrollverlust, die Angst die Kontrolle über das Pferd zu verlieren. Die Angst besiegt man, indem man darauf zugeht und sich auf die richtigen Dinge fokussiert. Ich fokussiere mich also darauf mein Pferd abzuwenden und durchzuparieren - und nicht darauf, dass der Gaul gerade durchgeht! Ich weiß, dass dies leicht gesagt und im Ernstfall sehr schwer getan ist. Aber wenn ich einen Weg finde das Pferd durchzuparieren, dann erhalte ich die Kontrolle zurück, also fokussiere ich mich darauf und nicht auf meine Angst!

Und bei anderen Dingen:

  • Ich muss mir einen neuen Job suchen, also fokussiere ich mich z. B. auf ein bevorstehendes Bewerbungsgespräch, und nicht darauf was passiert, wenn ich arbeitslos werden sollte.
  • Ich habe eine wichtige Studienprüfung, also fokussiere ich mich auf das zu bearbeitende Thema, und nicht darauf, dass ich durch mein Studium durchfallen könnte.
  • Da hat einer Platzangst (Agoraphobie), die er bewältigen möchte, also fokussiert er sich auf den Ort auf der anderen Seite des Platzes, den er erreichen möchte, und nicht auf den Platz selber!

Verstanden? Ich fokussiere immer auf das zu erreichende und nicht, nicht, nicht auf all die Dinge, die schief gehen könnten! Zeit sich damit zu beschäftigen ist immer noch genug, wenn der Fall eingetreten ist. Wer das einmal verinnerlicht hat, wird anfangen dies automatisch zu nutzen und er wird merken, dass er damit viel besser und leichter an ein zu erreichendes Ziel gelangt und Probleme bewältigen kann.

 

Gefühl

Auf diesen Punkt sind wir hier ja bereits kurz zu sprechen gekommen. Es ist jedenfalls ein Punkt, der in der üblichen Reitschule meist zu kurz kommt, oder sogar sträflich vernachlässigt wird. Aber ohne Gefühl für das Pferd, ohne Gefühl für das was man gerade tut und die angemessene Dosierung werde ich nie zu feinem Reiten kommen, werde ich mich nie wirklich in meinen Reitpartner Pferd hineinversetzen können, werde ich nie überschauen und bewerten können, was ich mit dem was ich gerade tue wirklich bewirke. Und daher ist es so immens wichtig, dass ein Reitschüler einen Weg zum Gefühl gezeigt bekommt. Das Gefühl selbst kann man nicht beibringen, man kann nur einen Weg dorthin gezeigt bekommen. Und dieser Weg erfordert... Richtig! Viel Geduld, siehe oben!

 

Timing

Der nächste immens wichtige Punkt. Ohne präzises Timing wird das was ich reiterlich erreichen kann immer zweitrangig bleiben. Ich muss ein Gefühl (siehe oben) dafür entwickeln, wann z. B. das Pferd mit welchem Fuß abhuft, denn nur wenn ich das fühle, kann ich im richtigen Augenblick eine Hilfe geben. Nur wenn ich in dem Augenblick treibe, wenn das Bein abhuft, welches ich zur vermehrten Tätigkeit animieren will, kann dies auch gelingen. Ein Bein welches gerade aufgefußt ist und das Körpergewicht trägt, kann offensichtlich keinen größeren Schritt tun! Und das Timing ist auch gleich in unmittelbarer Nachbarschaft zum nächsten Punkt:

 

Präzision

Ein wirklich gutes Ergebnis werde ich ebenfalls nur dann bekommen, wenn ich zusammen mit den richtigen Timing das was ich tue mit der nötigen Präzision tue, anstatt Dinge schlampig und halbherzig zu tun. Und genauso wie meine eigene Präzision muss ich von meinem Pferd eine entsprechende Präzision und Akkuratesse bei der Ausführung der Kommandos verlangen um zu einem wirklich guten Ergebnis zu gelangen. Pferde machen es sich verständlicherweise leicht, sie liefern nur das ab, was man auch willens einfordert und verlangt. Also heißt das Motto: Ich werde anspruchsvoll! Ich will immer das beste, genaueste, präziseste. Oder zumindest immer einen Schritt besser, genauer und präziser, als das was ich bereits habe.


          

Ja, richtig! So mancher wird jetzt denken, dass all dies gar nicht spezifisch für Horsemanship ist, sondern Geduld, Balance, etc. betreffen alle Reitweisen. Völlig korrekt! Wie z. B. Peter Peters auf seiner Homepage so schön und treffend schreibt: "Es gibt nur Reiten, alles andere sind Disziplinen". Und als solches gelten grundlegende Prinzipien wie obige interdiziplinär und übergreifend für den Umgang mit Pferden - und wie beim Beispiel Balance gesehen für viele andere Dinge im Alltag auch. Erst wer das begreift wird mit dem Reiten anfangen(!) können. Und die Menge und Komplexität all dieser Punkte ist eine leichte Erklärung dafür, warum Reiten einfach nicht einfach ist und sein kann, sondern aus einem lebenslangen Lernen,  Weiterbilden und Verbessern besteht.

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