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Zu Beginn sollte man sich ein paar Gedanken über sein Pferd machen, warum es so ist wie es ist und warum es in verschiedenen Situationen reagiert wie es das tut. Das Pferd wird in seinem Verhalten natürlich davon geprägt, dass es ein Fluchttier ist und die dafür typischen Verhaltensweisen zeigt. Als ich bei Steve Halfpenny war hat er uns ein sehr einfaches mentales Modell gezeigt, welches das Verhalten eines Pferdes in verschiedenen Situationen beschreibt. Steve benutzt das Modell mittlerweile regelmäßig. Ich gebe es an dieser Stelle nicht selbst wieder, weil Steve es von seinem Mentor Philip Nye übernommen hat, einem Horseman aus Tasmanien, den kennenzulernen mir bisher nicht vergönnt war. Und natürlich habe ich von niemandem die Erlaubnis zur Nutzung des Modells erhalten (ich habe bisher auch nicht darum gebeten). Wenn man sich das Modell aus obigem Link jedoch anschaut, dann wird man sehen, dass es sich im Prinzip um eine Art Ampel handelt:

Äußerer Kreis = rot = Alarmstufe rot
Mittlerer Kreis = gelb = Aufmerksamkeit und Verdacht
Innerer Kreis = grün = Alles OK

Wenn der Leser dieses Modell verstanden hat, dann kann man es nun verfeinern und aus dem relativ simplen, abstrakten Modell ein individuelles, detaillierteres, wirklichkeitsgetreueres machen. Wir machen also folgende Modifikationen und Erweiterungen:

  • Die Vollkreise werden in eine Vielzahl von Segmenten aufgespalten. Jedes Segment bekommt eine Bezeichnung, z. B. "Von anderen Pferden weggeführt werden", "Mähdrescher", "Begegnung mit Wildschweinrotte", usw. für all die Dinge, die ein Pferd bedrohlich finden könnte.
  • Die harten Übergänge zwischen grün, gelb und rot werden aufgeweicht und die Farben gehen fließend ineinander über. Ein Pferd kann in einer Situation also z. B. ein bisschen Verdacht haben oder auch einen sehr starken Verdacht.
  • Die einzelnen Kreise sind nicht überall gleich dick, so kann es z. B. sein, dass das gelbe Segment beim Annäherung an einen Mähdrescher sehr, sehr schmal ist und das Pferd in einer solchen Situation fast unmittelbar von grün auf rot umspringt, während es beim Wegführen von der Herde über einen sehr großen Abstand anzeigt, dass ihm das nicht passt.
  • Da Pferde Individuen sind, bekommt auch jedes Pferd "sein" individuelles Modell, das sich in der Ausprägung von denen aller anderen Pferde unterscheidet.
  • Das neue Modell ist nicht fest und statisch, sondern formbar wie ein Knetmännchen, ich kann mit dem entsprechenden Training das Pferd auf gewisse Reize desensibilisieren oder auch sensibilisieren, also die Form des Modells des Pferdes ändern.

Mit diesen Modifikationen erhalten wir das verfeinerte Modell, eine für jedes Pferd individuell angepasste, unförmige "Kartoffel" in bunten Farben, die recht treffend die Dinge beschreibt mit denen dieses Pferd derzeit gut und weniger gut zurecht kommt. Jetzt brauchen wir noch eine Unterscheidung des Charactertypus des Pferdes. Genau wie bei Menschen auch gibt es nämlich extrovertierte und introvertierte Pferde, wobei auch hier alle Mischformen vorkommen:

  • Extrovertiertes Pferd:
    Es zeigt sehr frühzeitig an, wenn ihm etwas verdächtig vorkommt. Diese Pferde sind oft als hysterisch verschriehen, weil sie sich über alles mögliche gleich aufregen. Dies ist aber für den Reiter eine recht angenehme(!) Eigenschaft, solche Pferde besitzen ein Frühwarnsystem, das anspricht lange bevor das Pferd das Zepter selbst in die Hand nimmt und z. B. die Flucht antritt.
  • Introvertiertes Pferd:
    Dieses Pferd ist wenig willig zu zeigen was in ihm vorgeht. Es glaubt quasi, man könne eine empfundene Gefahr beseitigen indem man sie leugnet und vorgibt sie existiere nicht. Solche Pferde werden leider gerne von Anfänger gekauft, weil man glaubt ein besonders gelassenes Exemplar vor sich zu haben. Und dann passiert das was oft eintritt, der Anfänger reitet unbemerkt über die nur schwach gezeigten Vorwarnsignale hinweg, bis das Pferd die Gefahr nicht länger leugnen kann und dann doch reagiert. Und der arme Mensch versteht gar nicht wie ihm geschieht, eben noch war das Pferd totbrav und gelassen und von einer Sekunde auf die nächste sitzt er auf einer Bombe - oder vielleicht auch danaben.

Wir müssen unsere Kartoffel also nochmals erweitern, es gibt quasi immer zwei Varianten: Einmal die Version des Pferdes, die repräsentiert das was im Tier vorgeht. Und einmal die Version des Menschen, die repäsentiert das was der Mensch von außen aus dem Pferd herauslesen kann. Der Unterschied zwischen beiden Varianten wird durch die Intro- oder Extrovertiertheit des Tieres festgelegt. Wir stellen das kreativ so dar, dass die Kartoffel des Pferdes einen verzerrten, farbigen Schatten wirft und nur dieser ist was der Mensch sieht. Je nach Betrachtungswinkel und -abstand sieht der Mensch außerdem einen anderen Schatten. Dies repräsentiert den Ausbildungs- und Erfahrungsstand des Menschen. Indem er an seinem Hrosemanship arbeitet, lernt er näher an die "Kartoffel" heranzutreten und genauer zu erkennen, was in seinem Tier vorgeht.

Und nun müssen wir noch wissen, wie man diese Kartoffel umformt und ihr eine gewünschte Form gibt. Meist möchte ich das Pferd desensibilisieren, also toleranter auf einen als bedrohlich empfundenen Reiz machen. Dies geschieht natürlich durch Training und Lernen. Jetzt muss ich noch wissen, dass Lernen zum einen nicht stattfindet, wenn ich das Pferd keinem Reiz aussetze, es also immer im grünen Bereich lasse. Andererseits kann auch kein Lernen im roten Bereich stattfinden. Jeder weiß, dass in einer Panik- oder Angstsituation kein Lernen möglich ist. Um mein Pferd an eine Situation zu gewöhnen, muss ich es also kurz in den gelben Bereich fahren und es dann wieder nach grün zurückführen, dauerhaft im gelben Bereich wäre Streß und kontraproduktiv. Und auch Pferde lernen durch Wiederholung, also muss obiges immer wieder praktiziert werden, ich gehe oft nach gelb und kehre nach grün zurück. Und mit der Zeit wage ich mich immer weiter in Richtung der Grenze zu rot vor, und damit wird - wenn ich dies nicht zu schnell mache - der gelbe Bereich zum einen breiter, zum anderen beginnt er nach außen zu wandern, d. h. auch der grüne Bereich wird größer. Und damit bin ich da wo ich hin will, ich habe einen Hebel, einen Mechanismus gefunden um den grünen Bereich meines Pferdes zu vergößern, das Pferd wird durch ein solches Training mit der Zeit tatsächlich gelassener und meistert irgendwann Situation vertrauensvoll und bravourös, die früher undenkbar gewesen wären! Auf einer Demo in Arhöna habe ich einmal gesehen wie Reiner Schelbert sich mitten in der Halle auf die Kruppe seines unangebundenen Pferdes gestellt und dort mit einer Bullenpeitsche geknallt hat. Dies nur als Idee was alles möglich ist.

Ich höre öfter mal Leute schimpfen, Natural Horsemanship sei vor allem Bodenarbeit, sie wollten aber reiten und nicht mit den Pferden herumspielen. Hier wird aber vergessen, dass jede(!) Reitweise die Ausbildung einer Remonte mit der Bodenarbeit beginnt - auch beim Natural Horsemanship ist dies so, das Reiten kommt dann später. Und auch der Mensch lernt den Umgang mit dem Pferd, Lenken, Steuern, Geschwindigkeit, vom Boden aus leichter, weil nicht so viele neue Dinge zur gleichen Zeit auf ihn einstürmen.

 

Wird fortgesetzt...
 

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