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Hufrehe

Oder auch die Zivilisationskrankheit der Pferde

Hufrehe

Die allermeisten Pferdebesitzer werden das Wort "Hufrehe" schon einmal gehört haben. Leider (oder zum Glück?) hört das Wissen darüber aber dann sehr schnell auf. "Zum Glück", weil die Unwissenden vermutlich noch nicht mit einem derartig erkrankten Pferd konfrontiert waren, aber auch "leider" weil so manches Leid durch korrektes Handeln und schnelles Reagieren verhindert werden könnte.

 

Was ist nun Hufrehe?

Was man oft als erstes hört ist, dass Hufrehe ein entzündlicher Prozess im Pferdehuf ist. Das ist zwar richtig, aber es ist eigentlich nur ein Symptom für die dahinterliegende, eigentliche Ursache. Und diese ist heutzutage am häufigsten das sogenannte "metabolische Syndrom" in verschiedenen Ausprägungen. Damit wird eine vollständige Entgleisung des Stoffwechsels bezeichnet - mit fatalen Auswirkungen die über eine dauerhafte Unreitbarkeit bis hin zum unvermeidbaren Euthanasieren des Pferdes reichen - von den anfallenden Tierarztkosten, die schnell in die tausende Euro gehen können einmal abgesehen! Kein Pferdebesitzer sollte daher die Gefahren einer Hufrehe unterschätzen und leichtfertig damit umgehen. Hier hilft wie so oft nur die Vermittlung von Wissen und dafür soll dieser Artikel dienen.

 

Was passiert bei einer Reheerkrankung?

Wenn der Matabolismus eines Pferdes aus dem Gleichgewicht gerät, können Giftstoffe und Stoffwechselprodukte die ständig im Pferdekörper anfallen nicht mehr ausreichend über den Stoffwechsel abgebaut werden. Als Antwort darauf leitet der Körper eine Entzündungsreaktion ein. Entzündung ist aber regelmäßig mit "Anschwellen" verbunden - eigentlich eine sinnvolle Reaktion, die Durchblutung wird verstärkt und ermöglich so ein verstärktes Abtransportieren von Giftstoffen und Stoffwechselprodukten. Wo die Entzündung aber äußerst kontraproduktiv wirkt ist dort, wo kein Platz für das anschwellende Gewebe ist - und das sind die Hufe eines Pferdes, genauer die Huflederhaut! Die Huflederhaut stellt eine feste aber elastische, dämpfende Verbindung zwischen der Hornkapsel (dem äußerlich sichtbaren Huf) und dem Hufbein (dem letzten, untersten Knochen des Pferdeskeletts) her. Die Huflederhaut wird nur über Kapilaren in der Haut mit Blut und Nähstoffen versorgt und hierüber läuft auch der Abtransport von Stoffwechselprodukten. Der empfindliche Mechanismus der Nährstoff- und Blutversorgung des lebenden Gewebes der Huflederhaut wird durch die Entzündung eingeschränkt, die empfindlichen Kanäle schwellen also zu. Dadurch können Giftstoffe noch schlechter wegtransportiert werden, es kommt zum Austritt von Gewebeflüssigkeit und Blutkörperchen in die Huflederhaut. Wird ein Grenzwert von Giftstoffkonzentration, austretender Flüssigkeit und Feststoffen und eingeschränkter Transportfähigkeit überschritten, dann wird ein selbstverstärkender Teufelskreis in Gang gesetzt, das Pferd erleidet einen akuten Reheschub.

 

Was passiert dann weiter bei einem akuten Reheschub, wenn dieser unbehandelt bleibt?

Mit einem Wort: Furchtbares! Die akute Rehe wird zu einer chronischen Rehe. Pferde sind sogenannte Zehenläufer, d. h. sie laufen mit der menschlichen Anatomie verglichen auf den Zehenspitzen, bzw. noch präziser je Fuß jeweils nur auf der einen Zehenspitze des Mittelfingers/der Mittelzehe (alle anderen Zehen wurden im Laufe der Evolution zurückgebildet). Der Huf entspricht dabei beim Menschen dem Finger- bzw. Fußnagel. Nun ist der Fingernagel eines Menschen am Finger festgewachsen, wächst aber selber kontinuierlich nach. Beim Pferd ist es ähnlich, nur kommt hier noch ein Spezialmechanismus mit ins Spiel, die Natur ist wie üblich ein genialer Erfinder. Um die Stöße beim Laufen abzufangen ist die Hornkapsel über die Huflederhaut elastisch aber sehr stabil mit dem Hufbein verwachsen, die Zehenspitze ist also ähnlicher einer Feder in der Hornkapsel aufgehängt. Durch die eintretende Entzündung, das Anschwellen des Gewebes und die austretenden Substanzen erleidet das Pferd nun unsägliche Schmerzen, zugleich kommt es zu einer Zerstörung der Huflederhaut, das Hufbein löst sich von der Hornkapsel, es kommt zur gefürchteten Hufbeinrotation mit der Gefahr des Sohlendurchbruchs. Man kann sich die zu erduldenden Schmerzen auf den Menschen übertragen etwa so vorstellen:

  • Du bist ein(e) Ballettänzer(in) und bewegst Dich dazu auf den Zehenspitzen
  • Man hat Dir mit einem großen Hammer so feste auf alle Zehen geschlagen, dass sich Deine Fußnägel ablösen
  • Du musst trotzdem weiter auf deinen Zehenspitzen laufen und dadurch brechen die Endknochen Deiner Zehen durch die wunden Zehenkuppen

Jetzt hast du vielleicht eine ansatzweise Idee von der Schmerzhölle durch die ein Rehepferd gehen muss, es ist die perfideste Folter die man sich vorstellen kann! Keiner kann einem Pferd so etwas wünschen, und doch passiert es viel zu oft. In der akuten Phase kann ein solches Pferd oft nur noch flach liegen, die Schmerzen beim Stehen sind absolut unerträglich.

 

Wie sehen die Auswirkungen einer chronischen Rehe aus?

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Folgendes tritt ein:

Hufrehe links Hufrehe rechts

 

  • Die tiefe Beugesehne, die normalerweise für das Anwinkeln des Hufes zuständig ist zieht in Ruhestellung beständig am Hufbein. Da sich das Hufbein von seiner Aufhängung an der Hornwand gelöst hat, rotiert das Hufbein, es kommt zur sogenannten Hufbeinabsenkung. In beiden Bilder oben hat sich das Hufbein um etliche Grad verdreht (1). Bei einem gesunden Pferd verlaufen die Hofbeinoberkante und die Hornwand in etwa parallel.
  • Vom Kronrand aus versucht der Fuß neues Horn wachsen zu lassen, dass wieder eine Verbindung zum Hufbein herstellt. Das gelingt aber nicht, da durch die Hufbeinrotation die Lamellen der Huflederhaut so wachsen, dass sie gegen das Hufbein drücken (2). Eine Heilung kann so nicht eintreten.
  • Die Huflederhaut ist so stark zerstört und zerrissen, dass auf dem Röntgenbild Hohlräume zu erkennen sind (3). Das Gewebe ist hier vollkommen zerstört und kann keinerlei Tragaufgaben mehr wahrnehmen.
  • Das rotierte Hufbein drückt von oben mit seinem spitzen Ende auf die Hufsohle. Die bei einem gesunden Pferd konkave Sohle beginnt sich nach unten durchzudrücken (4) und (6). Schreitet dieser Prozess noch weiter fort, kann das Hufbein durch die Sohle brechen, es kommt zum sogenannten "Ausschuhen", das Pferd stößt die gesamte Hornkapsel ab. In der Regel ist dies das Todesurteil für das Tier, es bleibt wenig anderes übrig als die Euthanasie.
  • Das Hufbein selbst ist einem derart starken Druck ausgesetzt, dass seine Spitze abbrechen kann (5). Das sieht zwar gefährlich aus, ist hier aber das kleinste Problem von allen. Gelingt die Heilung, dann verwächst sich der Hufbeinbruch meist ohne Probleme.

Ich denke spätestens jetzt sollte jeder die fatale Situation begriffen haben, in der das Tier sich befindet. In freier Wildbahn hätte bereits der akute Reheschub den sicheren Tod bedeutet, aber auch in der Obhut des Menschen besteht latente Lebengefahr und das Tier hat ohne Hilfe keine Chance auf Selbstheilung!

 

Was ist der Grund für die Störung des Metabolismus und wie kommt es zu Hufrehe?

Es gibt verschiedene Auslöser für Hufrehe. Ganz grob lässt sich diese in drei Kategorien unterteilen, die weiter untergliedert werden können:

  • Belastungsrehe, eine Überbelastung eines Hufes führt zum Ausbilden der Rehe
  • Vergiftungsrehe, hier zu zählt:
    • Medikamentenrehe, die Abbauprodukte mancher Medikamente wirken leider giftig
    • Eine "echte" Vergiftungsrehe, z. B. durch die Aufnahme von Giftpflanzen
  • Metabolische Rehe, hierzu zählt:
    • Eine Rehe als Begleitkrankheit anderer Erkrankungen z. B. von ECS (Equines Cushing Syndrom)
    • Geburtsrehe, der Abbau von in der Gebährmutter verbliebenen Resten der Nachgeburt durch Bakterien führt zur Bildung von Giftstoffen. Wer es genau wissen möchte:
      Die Plazentareste selbst sind natürlich nicht giftig! Jedoch machen sich Heerscharen von Bakterien über das "Festmahl" her, vermehren sich explosionsartig und sterben danach in großen Mengen auch wieder ab. Beim Zersetzungsprozess dieser Bakterien wird ein Wandbesteandteil der Bakterienzellen freigesetzt (LPS-Komplex). Dieser LPS-Komplex ist an sich schon räumlich sehr groß, bildet einen Immunkomplex mitsamt der herbeigeilten Antikörper und Komplementfaktoren des Immunsystems, wird dadurch noch größer und kann letztendlich die engen Kapillaren der Huflederhaut nicht mehr passieren und verstopft diese, es kommt zur Rehe.
    • Und last but not least die Futterrehe

Einige der genannten Rehetypen sind zum Glück eher selten, z. B. eine Belastungsrehe beim heutigen "Freizeitpartner" Pferd, eine Geburtsrehe (hier sollte der sicherlich hinzugezogene Tierarzt sicherstellen, dass die Nachgeburt vollständig abgeht), oder eine Vergiftungsrehe - Du pflegst doch Deine Weide, kennst Giftpflanzen und entfernst diese umgehend und verhinderst außerdem, dass Dein Pferd beim Ausritt irgendwo hastig nascht, nicht wahr? Der heutige überwiegende Hauptanteil an Reheerkrankungen hat leider meinst genau eine Ursache: Das Futter!

 

Warum "Zivilisationskrankheit"?

Ein extrem großer Anteil der heutigen Pferde ist schlicht zu fett! Wir sagen das bewusst nochmal an dieser Stelle, damit keiner behaupten kann er hätte es überlesen:

Nicht zu dick, nein zu fett!

Warum? Im irrigen Glauben seinem Tier etwas gutes zu tun und es besonders artgerecht zu halten läuft so manches Pferd den 24/7 auf Weiden herum, auf denen im schlimmsten Fall nur Hochleistungsgras für Rinder wächst (Rinder können übrigens auch Rehe bekommen). Als im Laufe der Evolution das Pferd die Steppe erobert hat, hat es auch 24/7 gefressen, allerdings besteht die Steppe großteils aus dörrem, vertrocknetem Gräsern und Sträuchern und eben nicht aus Hochleistungsgras. Stell Dir vor Dein tägliches Essen bestände nur aus Süßkram und Softdrinks, und davon bergeweise. Kein Vollkornbrot, keine Kartoffeln, Reis und Nudeln, kein Gemüse, kein Hühnchen, kein Müsli, kein Joghurt - nein, nur Süßkram! Was denkst du wie schnell du von solch einem Essen krank werden würdest? Der Mensch leidet bei entsprechender Fehlernährung irgendwann am sogenannten metabolischen Syndrom. Und unseren Pferden geht es ganz genauso, sie bekommen das "equine metabolisch Syndrom" EMS. Hier noch ein Link zum Weiterlesen über übergewichtige Pferde.

 

Wie kommt es zum equinen metabolischen Syndrom?

Das hier gesagte gilt anbei bemerkt für den Menschen genauso wie für Pferde und auch andere Tiere. Wird dem Körper viel Zucker zugeführt, dann reagiert der gesunde Organismus darauf mit der Ausschüttung von Insulin um den Blutzuckerspiegel zu regulieren. Wird dem Körper dauerhaft viel Zucker zugeführt, dann muss er dauerhaft vermehrt Insulin ausschütten, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel führt zu:

  • Insulinresistenz: Der Körper gewöhnt sich mit der Zeit an den hohen Insulinspiegel und reagiert weniger empfindlich auf Insulin, in Folge muss noch mehr Insulin ausgeschüttet werden um den Blutzuckerspiegel zu regulieren.
  • Insulinerschöpfung: Die Bauchspeicheldrüse ist irgendwann ausgezehrt und am Ende ihrer Kräfte angelangt, sie kann die geforderte Menge Insulin nicht mehr produzieren und man gibt ihr auch keine Gelegenheit sich zu regenerieren (weil immer weiter Zucker gefressen wird). Die Insulinerschöpfung ist landläufig unter dem Euphemismus "Altersdiabetes" bekannt, tritt aber bei immer mehr Menschen und Tieren in jungen Jahren auf.

Kann der Blutzuckerspiegel nicht mehr mithilfe einer erhöhten Insulinausschüttung im Zaum gehalten werden, dann tritt ein Notfallprogramm des Körpers in Kraft, der überschüssige Zucker wird zu Fett verstoffwechselt. Und nun sind wir beim metabolischen Syndrom angelangt, beim Mensch, beim Pferd, beim Hund, egal! Der über viele Jahre geschundene und am Ende entgleiste Metabolismus führt dann zu laufender Gewichtszunahme und irgendwann sitzt dort eine adipöse Fettbemme! Und jetzt schau mit diesem Wissen auf Deine Weide und sieh was Dein Pferd dort frisst. Hochleistungsgras? Fruktane? Zucker im Überfluss? Stundenlang am Stück? Wohin also soll das führen?

 

Wieso bekommen zu dicke Pferde öfter Hufrehe als normalgewichtige Tiere?

Hier ist nun das letzte Bindeglied: Zu dicke Pferde nehmen über lange Zeiträume zu viel Zucker auf. Hierdurch können sich im Darm besonders diejenigen Bakterien ansiedeln, die Kohlenhydrate verstoffwechseln. Und deren Stoffwechselprodukte sind oft giftig. Vermehren sich diese Bakterien übermäßig kann es zur Rehe kommen. Um es also noch mal deutlich zu sagen: Es ist nach heutigem Wissensstand tatsächlich der hohe Fruktangehalt in Gräsern, der zu Rehe führen kann, und nicht der Eiweißgehalt, wie früher oft behauptet wurde.

 

Wie erkennt man eine beginnende Hufrehe?

Leider oft erst zu spät! Es gibt schleichende Reheschübe, hierbei wird oft nur bemerkt, dass das Pferd irgendwie matt läuft, auf weichem Boden besser als auf hartem Boden. Im Prinzip ist dies ein Lahmen auf beiden Vorderbeinen (Rehe entsteht meist auf den Vorderbeinen, da das Pferd hinten schonen und die Hufe wechselweise entlasten kann), wird aber nicht als solches bemerkt. Monate nach einem solchen Schub eröffnet dann der Schmied dem geschockten Besitzer, dass sein Pferd eine Rehe hatte, zu erkennen an der Aufweitung der weißen Linie wenn das Horn weit genug heruntergewachsen ist.

Auch ein akuter Reheschub ist die ersten Stunden symptomlos, erst ca. sechs Stunden nach Beginn macht sich der Schub bemerkbar, aber dann ist das Kind schon fast in den Brunnen gefallen. Das akut erkrankte Pferd kommt z. B. von der Weide herein, stocklahm, in der klassischen "Sägebockhaltung" (bei Erkrankung der Vorderfüße diese nach vorne herausgestellt, die Hinterbeine weit unter den Bauch geschoben um die Trachten zu belasten und die Zehe zu entlasten). Die betroffenen Hufe sind deutlich erwärmt (wegen der Entzündung), eine verstärkte Pulsation der Mittelfußarterie ist erkennbar (A. digitalis palmaris/plantaris).

 

Was tun wenn man einen akuten Reheschub erkennt oder vermutet?

Alarmstufe rot! Egal ob beim eigenen Pferd oder bei einem fremden Tier:

  • Unverzüglich(!) den Tierarzt informieren, jede Minute zählt! Erwähnen dass man einen Reheverdacht hegt und die Syptome schildern. Der qualifizierte Tierarzt sollte die Symptome beurteilen können, wird ggf. nachfragen und sich schnellstmöglich auf den Weg machen.
  • Sofort runter from Gras, bis zum Eintreffen des Tierarztes kein Futter mehr geben.
  • Hufe mit möglichst kaltem Wasser so lange kühlen bis der Tierarzt eintriff, das Kühlen wirkt scherzlindernd und entzündungshemmend.
  • Wenn sich das Pferd hinlegen will, lass es das irgendwo tun wo es sich nicht festlegen kann.
  • Die anderen Pferde vom Patienten fernhalten, besonders ranghöhere Artgenossen.

 

Wie geht es bei einer chronischen Rehe weiter?

Das kommt ganz drauf an! Wenn man (und das Pferd) Glück hat, dann ist der Tierarzt zeitig da. Er wird Schmerzmittel geben, Blutverdünner, abschwellende Mittel, etc. Vielleicht gelingt es dann den Entzündungsprozess gerade noch zu stoppen, bevor er sein zerstörerisches Werk begonnen hat.

Gelingt dies nicht, dann hat das arme Pferd leider eine chronische Rehe erworben, es dauert je nach Schwere der Rehe Monate die Erkrankung auszuheilen - so das denn überhaupt vollständig gelingt - und es ist ein teures Unterfangen. Es kann sein, dass das Pferd anfangs aufgrund der Schmerzen über Tage fast nur noch flach liegen kann, ein schauriger Anblick eines Lebewesens das es normalerweise liebt über die Koppel zu galoppieren. Zur Behandlung muss unbedingt ein erfahrener Tierarzt und ein genauso erfahrener Schmied hinzugezogen werden.

  • Auch wenn viele "konventionelle" Tierärzte eine Wirkung bestreiten, so kann eine Blutegeltherapie doch helfen und unterstützen. Sie wirkt wie ein Aderlass und eine Entzündungshemmung in einem. Auf jeden Fall wird sie keinen weiteren Schaden anrichten.
  • Der ein oder anderen Fan von Barhufpferden wird sich an den drastischen Maßnahmen stoßen, hier bleibt aber kaum eine andere Wahl. Unser Pferd schwebt in latenter Lebensgefahr, Dinge wie der Hufmechanismus sind nebensächlich (der Huf ist eh kaputt) - wir haben leider nur die Möglichkeit den kleinsten Haufen Scheiße zu wählen!
  • Ist die Rehe schwer (der Arzt entscheidet dies zuverlässig anhand von Röntgenbildern), dann ist der heutige Stand der Behandlung die betroffenen Hufe in einem ersten Schritt einzugipsen. Ziel dabei ist es möglichst viel Last von der Zehe weg zu nehmen, das Pferd auf die Trachten zu stellen und die große Beugesehne zu entlasten, die die Hufbeinrotation ausgelöst hat und auch weiter vorantreibt, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Das Pferd bekommt daher vom Tierarzt quasi "High-Heels" aus Gips. Sehr wahrscheinlich wird das Pferd zum Eingipsen sediert werden müssen, wegen der dann noch größeren Scherzen durch das Stehen auf einem Huf will und kann es sonst nicht die Hufe geben. Das Ergebnis sieht dann so aus.

Gipsfüße

  • Nach ein paar Wochen wir der Gips entfernt und durch einen Rehebeschlag ersetzt. Man kann erkennen, dass das Hufbein begonnen hat sich wieder minimal anzuheben. Die Überlagerung der Situation am Anfang und nach dem Gips zeigt dies, die Behandlung fängt zum Glück an zu greifen.
Nach Entfernung des Gipses  Überlagerter Ausschnitt
  • Bei einem Rehebeschlag werden die Hufeisen quasi "falsch herum" aufgenagelt, so dass das offene Ende vorne ist. Auch hier ist das Ziel wieder die möglichst vollständige Entlastung der Zehen. Hier ein "klassischer" Rehebeschlag (rechts am Kronrand sieht man übrigens heruntergelaufenes Blut von einer Egelbehandlung):

Rehebeschlag

  • Bei der Anfertigung des Beschlages wird die Zehe erneut ausgespart um sie vollständig zu entlasten. Um die Kunststoffvergussmasse im nächsten Schirtt von der Zehe wegzuhalten wird dort vorübergehend ein Kit aufgetragen.

Kiteinlage an der Zehe des Rehebeschlags

  • Danach wird das frisch aufgebrachte Hufeisen durch eine Kunststoffpolsterschicht unterstützt, so dass der Huf möglichst großflächig trägt und entlastet wir.

Kunstoffvergussmasse als Polsterung im Rehebeschlag

  • Hier das fertige "Vergussobjekt". Bis zum vollständigen Aushärten der Masse wurde eine kleine Hartschaumplatte untergestellt.

Rehebeschlag mit Vergusspolsterung

  • Zusätzlich wird der Schmied die Hufe nach Anweisung des Tierarztes sehr stark weggeraspelt haben, besonders stark vorne, bis hinter die weiße Linie in die Huflederhaut hinein. Hier ist eh schon alles kaputt, egal also. Hier ein Großaufnahme mit einem tiefen Einblick in die Huflederhaut. Man erkennt die tiefen Spalte und Kerben die sich gebildet haben, der Huf ist im Sinne des Wortes von innen zerrissen. Die gelbliche Substanz in den Rissen ist ausgetretene Gewebeflüssigkeit, das rötliche koaguliertes Blut (die Paste ganz unten ist der oben erwähnte Kit). Damit ist endgültig klar, warum diese Huflederhaut nicht mehr als elastische Aufhängung für das Hufbein dienen kann, das volle Ausmaß der katastrophalen Zustände im Huf sind nun sichtbar geworden.

Großaufnahme befeilter Rehehuf

  • Und so sieht der fertige Rehebeschlag auf dem Röntgenbild aus. Gut zu erkennen das gedrehte Hufeisen und die Nagelung ausschließlich an den Seiten des Hufes. Man beachte auch den Abstand zwischen Eisen und Huf im hinteren Bereich. Dies entsteht durch die Aufpolsterung zwecks Entlastung der Beugesehne. Das Polster wird auf dem Röntgen nicht abgebildet und man erkennt nur einen Spalt.

Röntgenbild Rehebeschlag

  • Der Rehebeschlag muss einige Wochen drauf bleiben (er muss ggf. zwischenzeitlich erneuert werden), danach können die Eisen dann hoffentlich wieder runter und das Pferd zurück auf einen normalen Beschlag oder Barhuf umgestellt werden. Das geschieht in Absprache mit dem Tierarzt, der den bisherigen Erfolg mit weiteren Röntgenaufnahmen kontrollieren wird. Zu diesem Zeitpunkt sollte aber auch äußerlich erkennbar sein, dass vom Kronrand ausgehend neues, gesundes Hufhorn herunterwächst, und dessen deutlich andere Winkelung lässt erkennen, dass die Huflederhaut wieder begonnen hat Verbindung zwischen Hufhorn und Hufbein herzustellen, der Huf gesundet langsam.
  • Hier nun ein durchaus erfreulicher Zwischenstand nach ein paar Wochen Rehebeschlag. Der Rehehuf einmal von vorne, sehr deutlich ist zu erkennen, dass das neue Hufhorn wieder sehr viel steiler nach unten wächst.

Veränderung des Hufes von vorne

  • Und hier derselbe Huf von der Seite. Man erkennt ganz unten wie das geschädigste Hornmaterial schnabelnd nach vorne weggedrückt wird. Und man erkennt auch in der Seitenansicht, dass das neue Hufhorn von oben wieder sehr viel steiler herunterwächst. Im Röntgenbild ganz zu Anfang kann man eine Hufbeinrotation von etwa 15° messen. Das neue Horn hier wächst etwa 14° steiler als das Altmaterial. Und dies bedeutet, dass die neu gebildete Huflederhaut wieder eine Verbindung zwischen Hornwand und Hufbein herstellen kann, langsam beginnt sich der frühere, gesunde Zustand zu regenerieren!

Veränderung des Hufes von der Seite

  • Es wird weitere Monate dauern bis das Hufhorn einmal komplett neu heruntergewachsen ist. Wenn man Glück hat, wird das Pferd wieder vollständig gesund, oder zumindest fast. Vielleicht aber auch nicht und man hat nun einen Frührentner. Und wenn man ganz viel Pech hat, dann nutzt alle Behandlung nichts, die Rehe kann nicht eingedämmt werden und irgendwann stellt sich unvermeidlich die Frage aller Fragen.

 

Was kann ich selber tun um die Heilung meines Pferdes zu verbessern?

Nun, hier gibt es vor allem einen ganz entscheidenden Punkt als allererstes zu tun, auch wenn das manchem gut meinenden Pferdefreund nicht schmecken mag:

*** Der Speck muss weg!!! ***

Es ist absolut unverzichtbar, dass Dein Pferd überflüssige Pfunde verliert, und zwar so schnell wie möglich. Es muss unbedingt verhindert werden, dass der Metabolismus erneut in Schieflage gerät, sonst ist der nächste Reheschub vorprogrammiert und nur eine Frage der Zeit. Mit jeden neuen Schub wird der Huf mehr geschädigt und die Heilungschancen verschlechtern sich. Also nochmal:


 *** Der Speck muss weg!!! ***


Sehr oft wird der Tierarzt nun eine Brachialdiät verordnen: Nur noch Heu füttern, wenn's geht vom letzten Jahr oder noch älter, wenn möglich einweichen und keinerlei Kraft- oder Mineralfutter. Wir sind nicht dieser Meinung, und zwar aus folgendem Gründen:

  • Ein Pferd das abspecken soll muss trotzdem oder sogar gerade dann mit den nötigen Vital- und Mineralstoffen versorgt werden, damit der eh schon angeschlagene Körper keine anderweitigen Mangelerscheinungen bekommt.
  • Sollen die Rehehufe möglichst gut gesunden, dann müssen dem Organismus dazu Stoffe zugeführt werden, die das Hufwachstum möglichst gut unterstützen und fördern.
  • Ein Hungern um jeden Preis ist sogar gefährlich. Denn wenn das Tier plötzlich stark hungern muss, dann mobilisiert sein Körper die (hier reichlich vorhandenen) Fettreserven, um den Energiebedarf zu decken. Und dadurch gelangt so viel Fett in den Stoffwechselkreislauf, dass es nicht mehr über die Leber und die Muskulatur verwertet werden kann. Das überschüssige Fett lagert sich dann in Leber, Nieren und Herz ab, das Resultat sind überhöhte Blutfettwerte und die Gefahr einer Organverfettung, die meist tödlich ausgeht. Die Gewichtsabnahme des Patienten muss daher angemessen, langsfristig, gezielt und mit Nachdruck und Hartnäckigkeit verfolgt werden, anstatt mit der Vorschlaghammermethode.

Ein verträgliches Abnehmen lässt sich nicht erreichen, indem man gar keine Mineralstoffe gibt (die in dem bisschen Heuration ja auch nicht oder nur unzureichend vorhanden sind). Allerdings sollte es nichts Zuckerhaltiges sein, in vielen Mineralfuttern ist aber viel Melasse eingerührt. Weil Zucker billig ist und weil auch Pferde süß und pappig gerne fressen und das den evtl. unangenehmen oder zumindest ungewohnten Geschmack der Mineralstoffe überdeckt. Es ist daher ratsam das Pferd auf Mineralstoff- und Spurenelementmängel untersuchen zu lassen und sich mit einem Futtermittelhersteller in Verbindung zu setzen, der große Erfahrung mit Rehepatienten hat und bei dem davon auszugehen ist, dass er nicht nur seinen Kram verkaufen will, sondern an einer echten Hilfe interessiert ist.

Außerdem wirst du nicht umhin kommen dein Pferd gezielt mit Futter zu versorgen, so dass trotz einer ausreichenden Kalorienversorgung eine sinnvolle Gewichtsabnahme realisiert wird. Ja, das ist superschwierig, zumal sich der Rehepatient in den ersten Wochen kaum bewegen können wird, so dass der Energieverbrauch zusätzlich reduziert ist.

Bewegen ist aber wichtig um Gewicht zu reduzieren, um den Kreislauf in Schwung zu bringen, uvm. Und ein Pferd ist schließlich ein Lauftier. Sobald das Laufen im Schritt also wieder schmerzfrei gelingt, so sollte das Pferd aus unserer Sicht auch laufen. Und zwar täglich(!), im Schritt, mit kurzen Strecken beginnend, die dann langsam und angemessen ausgedehnt werden. Dabei sollte so irgend möglich natürlich ausschließlich auf weichem Boden gelaufen werden. Auch hier gibt es wieder divergierende Meinungen dazu, ob eine Rehepferd überhaupt laufen sollte. Von manchem Tierarzt wird absolute Stallruhe angeraten mit der Begründung, dass das geschädigte Hufgewebe nicht noch mehr belastet werden dürfe. Dem möchten wir entgegenhalten, dass im kaputten Bereich des Hufes eh nichts mehr geschädigt werden kann. Der Rehebeschlag mit seiner Polsterung sorgt aber dafür, dass nun der Huf auf seiner kompletten Fläche die Last aufnimmt, und nicht wie beim gesunden Pferd vorwiegenden der Tragrad. Wenn es nun gelingt, das sich die Huflederhaut vom Kronrand aus beginnend regenerieren kann, dann ist ihr gesunder Teil auch tragfähig und sollte angemessen trainiert werden. Das Pferd darf und soll sich moderat bewegen, denn es erleichtert das Abnehmen und es erhält die Vitalfunktionen. Ein Mensch mit Gehproblemen wird diese auch nicht los, indem er absolute Bettruhe verordnet bekommt, richtig?

 

Wird fortgesetzt...

 

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